Wider das Zerschreiben von Fotografien | Essay

Wider das Zerschreiben von Fotografien

Piero Rossi (2014)

Einführung

Das Online Fotografie-Magazin «kwerfeldein» gehört im deutschsprachigen Raum zu den Besten seiner Art. Dem jungen Redaktionsteam gelingt es täglich auf ein Neues, ambitionierte Fotokünstler/-innen für eine Mitarbeit zu gewinnen. In „kwerfeldein“ stellen diese vielfach gekonnt und oftmals versehen mit einer Prise wohltuender Poesie sich selbst und ihre Arbeiten vor. Und zwar mit Bild und Text.

Wer «kwerfeldein» wiederholt besucht, spürt bald einmal, dass viele Arbeiten erfreulich sorgfältig ausgearbeitet sind. Kennzeichnend für «kwerfeldein» ist, dass  diese Website nicht alleine von den präsentierten fotografischen Arbeiten lebt. Es ist vielmehr das gelungene und oftmals virtuose Zusammenspiel von Bild + Text, welches das Besondere (und manchmal auch das Poetische) dieses Magazins ausmacht.

Konzeptionell steht das Online Fotografie-Magazin «kwerfeldein» im Licht des sogenannten Transmedia Storytelling (transmediales Erzählen). Medienwissenschaftler bezeichnen damit ein narratives Konstrukt (eine grosse «Erzählung»), zusammengesetzt aus Elementen verschiedener Medien.

Stark vereinfachend formuliert, beruht Transmedia Storytelling letztlich auf einer ökonomischen Kommunikations- und Marktstrategie, um kwerfeldein und über mehrere Märkte hinweg mit gleichen, aber unterschiedlich kommunizierten Produkten, Unternehmensgewinne zu realisieren. Transmedia Storytelling durchdringt – wie auch andere Konzepte im Prozesse der Ökonomisierung der Gesellschaft – weitgehend unbemerkt und immer mehr auch alles Kulturelle.

Das transmediale Verschmelzen von Bild und Text, wie es unter anderem auch das Magazin «kwerfeldein» durchaus gewinnend kultiviert, wirft viele Fragen auf. Fragen, welche – zumindest bei mir – auch Unbehagen auslösen. Und genau darum geht es im Folgenden.

Ich versuche aufzuzeigen, dass Fotografien deutlich genug für sich alleine sprechen und dass deren Zertextung letztendlich zum Aussterben der Bildsprache der Fotografie beiträgt.

Mehr als tausend Worte

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, sagt man. Und heisst es nicht immer, eine Fotografie spricht für sich selbst? Und ist es nicht so, dass künstlerische Fotografien im Grunde genommen keiner weiteren Erläuterungen der Fotografin oder des Fotografen bedürfen?

Wozu dann noch viele erklärende Worte, wo uns doch in «kwerfeldein» und ähnlichen Magazinen und Blogs zahllose an-sprechende Fotografien anschauen? Bilder, die – wie ich finde – doch nur darauf warten, für sich alleine wahrgenommen, erlebt und vielleicht auch verstanden zu werden.

Müssen wir Fotografinnen und Fotografen unseren Bildern tatsächlich mit Worten, eingebettet in Stories und multimedialen Installationen zum Ausdruck verhelfen? Wo doch die Bildersprache unbestritten die Muttersprache aller Menschen ist? Um Musik zu hören, zu verstehen und sich von ihr berühren zu lassen, bedarf es schliesslich weder Worte noch anderweitige Erklärungen. Das gilt erst recht auch für Piktogramme.

Einverstanden, ganz so einfach wie Piktogramme sind Fotografien in der Regel nicht zu verstehen. Trotzdem: Sind unsere Aufnahmen derart ausdrucksschwach, dass sie nicht für sich selber sprechen können? Bleiben ihre Symbole und deren Deutungskraft, ihre Neben- und Zwischenbedeutungen, all ihre Spielereien mit Gegensätzen und Ähnlichkeiten, ihre Projektionsflächen und die vielen Appelle an die Emotionen der Betrachter wirklich so unergründbar tief verborgen?
Liegt tatsächlich ein zusätzlicher verbaler Erklärungsbedarf vor?

Werden unsere Fotografien gar besser, wenn sie «installiert» und in Geschichten verwoben präsentiert werden? Finden dank multimedialem Storytelling und Audioslides endlich zusammen, was immer schon zusammengehörte?

  • Oder liegt es daran, dass wir ungeübt sind oder verlernt haben, die Sprache der Bilder sowie ihre wortlosen Geschichten und Botschaften zu verstehen?
  • Liegt der Grund etwa darin, dass wir (und erst recht alle Fotografie-Studentinnen und -Studenten) gar keine Chancen mehr haben, dem Sog der Medienkonvergenz und der Omnipräsenz von Visual Narratives einzelne und nur für sich selbst stehende Augenblicke und Fotografien entgegenzuhalten?
  • Oder lesen wir zu viele versiebte Fotografie-Fachbücher? Publikationen, welche – teils versehen mit abenteuerlichen Interpretationen wahrnehmungspsychologischer Theorien – uns glauben machen wollen, die Sprache der Bilder zu vermitteln. So als wäre es möglich, jemanden deutsch zu unterrichten und ihm zu versprechen, er lerne dadurch die Kunst der Bildhauerei.

Dabei bin ich doch nicht der Erste, der festhält, dass Bildsprache anderen Codes und einer anderen Logik folgt als unsere gesprochene und geschriebene Sprache. Zahlreiche Autoren von Fotografie-Fachbüchern verwechseln fortgesetzt Bildsprache mit Bildkomposition oder Bildanalyse. Sie verwenden den Begriff der Bildsprache mal so, mal so.

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Spontane Zustimmung. Nur worüber sagt es mehr als tausend Worte? Über das Fotografierte? Wohl kaum. Und wenn, dann nur sehr wenig und dies zudem äusserst unzuverlässig. Denn Fotos täuschen immer – zumindest was deren Objekte beziehungsweise deren Sujets betrifft.

Fotografinnen und Fotografen unterwerfen sich ihre Objekte, machen sie zum Subjekt (lat. das Unterworfene). Und treiben mit ihren annektierten Gebilden, was immer sie nur wollen. Tatsächlich wird jedes Sujet durch die Fotografinnen und Fotografen allein schon durch ihre Wahl des Ausschnittes, durch die Festlegung von Standpunkt und Perspektive, durch die Setzung des Lichtes und anderer Aufnahmeparameter subjektiviert. Via Entwicklung und Vergrösserung oder Bildverarbeitung wird das Sujet dann weiter geschärft, verfremdet, aufgepeppt, gesoftet, zerschnitten, geschminkt, gefärbt, entsättigt, veredelt, idealisiert, vergoldet, durch den Dreck gezogen oder was auch immer.

«Wahrlich sind alle Fotografien Selbstporträts»

Wenn also nicht über das Sujet, worüber dann sagt ein Bild mehr als tausend Worte? Auf den Punkt bringt es die amerikanische Fotografin Elizabeth Opalenik in ihrer vielfach zitierten Aussage: «Wahrlich sind alle Fotografien Selbstporträts». Oder in einfachen Worten: Zeige mir Deine fotografischen Arbeiten und ich sage Dir, wer Du bist.

Elizabeth Opalenik

Die Fotografin trifft damit den Nagel auf den Kopf: Schonungslos legen Fotografien offen, wie ihre Erzeuger/-innen ticken. Mit entlarvender Evidenz zeigen sie auf, was uns Fotografen und Fotografinnen persönlich bedeutsam erscheint, wonach wir in der Welt suchen, worin unsere Bedürftigkeit liegt, wohinter wir uns zu verstecken versuchen, wonach wir streben, worin wir unsere Empfindungen spiegeln möchten und was unserem Sehen Halt und Struktur gibt.

Sie deuten an, wie fokussiert wir Fotografierende durchs Leben schreiten, wie respektvoll wir mit dem Augenblick umgehen, ob wir Tiefgang lieben und vorzugsweise mit oder gegen den Strom schwimmen. Zudem zeigen Fotografien auf eine subtile Art und Weise an, ob und wenn ja, wie gut es der Fotografin oder dem Fotografen gelang, die Seele des Sujets zu erfassen (das gilt nicht nur für Porträt-, sondern auch für Landschafts- oder Sachaufnahmen). Sie decken auf, ob wir bluffen oder anderen abkupfern, weisen aber auch darauf hin, wie ehrlich wir uns und den Betrachter/-innen gegenüber sind.

Schliesslich zeigen Fotografien auch an, wie vermögend die Fotografin oder der Fotograf ist. Reich natürlich nicht an materiellen Gütern, sondern bezüglich Vorbildern, Hingabevermögen, Phantasiereichtum, Empathie, gestalterischer Sehkraft und handwerklichem Können.

Ja, unsere Fotografien sind redselig. Und trotzdem wortlos lesbar wie ein offenes Buch über uns selbst. Und nicht selten verraten sie Geheimnisse, die wir Fotografen und Fotografinnen lieber für uns behalten würden.

Alle Fotografien sind Selbstportäts

Es mag paradox klingen, aber selbst eine noch so ausdrucksstarke Porträtfotografie ist im Kern ebenfalls ein Selbstporträt. Sie vermag zwar mehr oder weniger gut die Gefühlslage der abgebildeten Person widerzuspiegeln, erlaubt aber keinerlei Einblick in ihr wahres Wesen, in ihre Persönlichkeit oder in ihren Charakter. Sollte es trotzdem diesen Eindruck erwecken, handelt es sich um eine narzisstische Selbsttäuschung der fotografierten Person oder um eine Zuschreibung von Eigenschaften, die uns aus anderen Quellen zur Verfügung stehen.

Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass aus Gesichtern nichts über den Charakter der abgebildeten Person abgeleitet werden kann. Daran vermag auch das allerbeste Porträt nichts zu ändern. Es hält im Idealfall verdichtete, wunderschöne, ausdrucksstarke und bedeutungsschwangere Augenblicke im Leben eines Menschen fest. Fotografische Momente, welche ihre Bedeutung indes erst durch uns erfahren. Und zwar in einem von der Fotografin oder dem Fotografen im Voraus bestimmten Sinn.

Die Porträtfotografie erlaubt also kaum tiefere Rückschlüsse auf den fotografierten Menschen. Umso mehr Einblick jedoch gewährt sie dafür in jene Person, welche den Kameraauslöser betätigte. Und dies wiederum, ohne auch nur ein einziges Wort zu verlieren. Unter anderem zeigt sie, ob überhaupt und wie geschickt es der Fotografin oder dem Fotografen gelungen ist, eine Atmosphäre zu schaffen, welche es dem Modell ermöglicht hat, die Hüllen fallenzulassen. Und sie kann entlarven, welches die wahren Motive der Fotografierenden sind, wie diese es mit unkalkulierbaren Momenten halten, von denen viele Porträts leben und wie es mit ihrer Kreativität und ihrem Können ausschaut.

Wir Fotografinnen und Fotografen konstituieren im Porträt eine Vision oder ein Bild, in welcher sich die fotografierte Person wiedererkennen soll. Gleichzeitig erzeugen wir auch die Bedeutungen, welcher die Betrachter/-innen einer Fotografie beimessen sollen. So sind wir Fotografen und Fotografinnen im Kern hochpotente Vorstellungs- und Identitätsgeneratoren. Nicht nur hinsichtlich der Vorstellung, die eine porträtierte Person über sich haben soll, sondern auch ganz umfassend: Mit unseren Bildern definieren wir, was schön ist und was nicht, wie man sich dies und jenes vorzustellen hat (also wie etwas vermeintlich «ist»), und auch, was wert ist, in Erinnerung zu bleiben.

Auch das Selbstporträt?

Und das Selbstporträt? Auch ein Selbstporträt im Sinne von Elizabeth Opalenik? Überlegt selbst.

Wow!

Gehen wir noch einen Schritt weiter: Sage mir, welche Fotos Dich ansprechen, Dich emotional berühren oder Dich ins Staunen versetzen und ich sage Dir, wer du bist. Mehr als tausend Worte verrät ein Bild nämlich nicht nur über die Fotografinnen und Fotografen, sondern selbstredend auch über die Betrachter/-innen von Fotografien.

In Windeseile und unter Umgehung sämtlicher Firewalls und anderer Datenschutzvorkehrungen verraten sie uns zwar nicht alles und trotzdem Höchstpersönliches: Zum Beispiel, welchen Geschmack die Betrachter/-innen haben. Was sie als angenehm, schön und wohltuend empfinden und was ihnen ein «Wow!» zu entlocken vermag. Oder was sie betroffen macht, wonach sie sich sehnen, wodurch sie zu gewinnen und auch zu kaufen sind. Oder wie gut sie sich einer Fotografie hingeben können und deren Sprache zu lesen vermögen. Und etwa ob sie willens oder in der Lage sind, sich von ihren Sehgewohnheiten zu lösen.

Sprache der Fotografie

Zurück zum Anfang. Auch ohne die Bildsprache wirklich zu verstehen ist es augenscheinlich, dass und worüber eine Fotografie mehr als tausend Worte verliert und worüber nicht. Auch wenn eine Fotografie nichts über die abgebildete Wirklichkeit aussagt, sondern – vermittelt durch die Fotografin und den Fotografen – ein höchst subjektives Bild derselben konstituiert, ist und bleibt sie Teil unserer Wirklichkeit, welche wir wiederum höchst subjektiv wahrnehmen und individuell interpretieren.

Wir machen uns also ständig ein Bild des Bildes des Bildes. Die Schlüssel zum Verstehen der Bildsprache liegen somit (wahrscheinlich) nicht nur in der Fotografie selbst, sondern im Prozess unserer selektiven, gestaltbildenden und vor allem individuellen Wahrnehmung.

Der Fotografie – als Teil unserer Wirklichkeit – steht es meiner Meinung nach ähnlich einem Grundrecht zu, dass nicht unserer, sondern ihrer eigenen Sprache Evidenz zukommt. Und dies ohne unser Zutun in Form eines verbalen oder multimedialen Drumherums. Und das selbst dann, wenn wir im Einzelnen noch nicht wissen, wie die Anatomie der Sprache der Fotografie und unserer Wahrnehmung wirklich funktionieren.

Entwerten wir also mit unseren Stories und verbalen Installationen unsere eigenen Fotografien? Hindern wir sie daran, für sich selbst zu sprechen? Immerhin: Mit Worten können Texte und Wortgebilde geschrieben, gelesen, analysiert, verstanden und erörtert werden, aber doch nicht Fotografien. Und auch nicht Gemälde, Skulpturen oder Musik. Bilder zeigen uns etwas, was nicht gelesen werden kann wie eine Zeitung oder ein Liebesbrief. Daran ändert sich auch dann nichts, wenn man immer wieder davon liest, dass Fotografien «gelesen» werden sollen. Meinem Empfinden nach wird die Bildsprache der Fotografie nicht verständlicher, indem die Bilder erklärt und besprochen werden. Im Gegenteil. Bestenfalls bleibt es «Sekundärliteratur«.

Unterdrücken wir also mit unseren Worten die Sprache der Bilder?
Exkommunizieren wir unsere Fotografie mit unseren eigenen Worten?
Schreiben wir sie gar zu Tode?
Und wenn ja, wieso leben sie dann trotzdem weiter und blicken uns immerfort in die Augen? Und dies, ohne ein Wort zu verlieren?

Hintergründe

Ein Versuch: Multitasking, also gleichzeitiges, schnelles und effizientes Handeln und Verarbeiten verschiedenster visueller Informationen, droht in der Schule, der Ausbildung, der Arbeit, der Freizeit und zunehmend auch im Privat- und Innenleben zum vorherrschenden Modus der Informationsverarbeitung zu werden. Evident sind immer kürzere Produktezyklen, ein immer höheres Lebenstempo sowie eine inflationäre Informations- und Bilderflut. Letztere hat spätestens mit dem Beginn der digitalen Revolution in der Fotografie und erst recht mit dem sintflutartigen Aufkommen und von Handy-Knipsen und ihrer kurzen Lebenszeit zu einer kolossalen und exponentiell zunehmenden Entwertung jeder einzelnen Fotografie geführt.

Das alles hat nachhaltig Folgen für unsere Sehgewohnheiten: Aufgezwungene hohe Tempi plus permanentes Multitasking in immer mehr Lebensbereichen führen zwangsweise bei immer mehr Individuen zum Verlust der Fähigkeit, sich in Ruhe einer Sache hinzugeben und sich auf den Augenblick konzentrieren zu können.

Es ist augenscheinlich, wie wenig Zeit Betrachter/-innen heute noch aufwenden können, wenn sie sich Fotografien anschauen. Gezeichnet durch den immer stärker werdenden Trend zum Transmedia Storytelling huscht ihr Blick kurz über das Bild, dann weiter zum Nächsten und ruckzuck weiter und weiter. Dankbar, wer dann in den Frauen-, Mode-, Jugend-, Sport oder Fotomagazinen für einen Moment lang Orientierung und Halt bietenden Text zu finden glaubt, um gleich darauf den Blick zum nächsten Item hüpfen zu lassen.

Sollte jemand an dieser Stelle einwenden wollen, dies liege wohl primär an der fehlenden Qualität der Fotografie, dem sei gesagt: Irrtum! Die meisten Betrachterinnen und Betrachter lassen selbst berühmteste, ihnen aber unbekannte Fotografien eiskalt an sich vorbeiziehen.
Probiert es aus! Die Reaktionen stehen in den meisten Fällen in keinem direkten Zusammenhang mit der Fotografie an sich. Das gilt auch für das Gegenteil: Selbst gestalterisch und technisch furchtbar schlechte Fotografien sind imstande, bei so manchen Betrachter/-innen ein «Hammerstark!» zu entlocken.

Ursache für das Nicht-mehr-richtig-hingucken-können ist nicht die Fotografie, sondern die unspezifische, mithin generell verloren gegangene (oder bei Jungen nie erworbene Fähigkeit), die eigene Aufmerksamkeit in Ruhe auf eine Sache zu konzentrieren. Und sind wir doch ehrlich: Auch wir im Sehen gut geübte Fotografinnen und Fotografen bekunden beim Betrachten selbst von hochwertigen Fotobüchern und Foto-Kunstmagazinen manchmal Mühe, dem einzelnen Bild (und nur dem Bild) die ihm eigentlich zustehende Portion Aufmerksamkeit zu gewähren.

Für viele Kinder der Generation S (S für Smartphone) bleibt das Innehalten sowie das langsame und geduldige Hinschauen und das sich Hingeben an eine Sache eine Fremdsprache. Ein Defizit, welches, wenn überhaupt, später nur sehr mühsam aufgeholt werden kann. Kein Wunder auch, dass die unter Fachpersonen seit über fünfzig Jahren bekannte Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) in den letzten Jahren immer mehr an öffentlicher Aufmerksamkeit gewinnt. Auch in der Werbung werden immer durchtriebenere und finanziell aufwändigere Massnahmen erforderlich, um die Aufmerksamkeit potentieller Kundinnen und Kunden für die beworbenen Produkte zu erheischen.

Das Ende der Fotografie?

Der zunehmende Trend zur Transformation der künstlerischen Fotografie in marktgängige Text-umwobene Bild-Stories entspricht einer Anpassung an die sich zunehmend schnell entwickelnde mediale Multimodalität und an ein immer rasanteres Leben im Multitasking-Modus. Für die Fotografie, deren Domäne der Augenblick ist, ist diese Entwicklung fatal: Je mehr sie dem Code der medialen Multimodalität, mithin dem Film und seinen immer kürzer werdenden Bildfolgen verfällt (oder diesen gar freiwillig adaptiert), umso schneller frisst sich die Fotografie selber auf.

Das im fotografischen Augenblick verdichtete Leben, das Unkalkulierbare und Unerwartete des Momentes verlieren dadurch zunehmend an Evidenz und lösen sich buchstäblich auf. Angetrieben wird dieser Trend nicht zuletzt durch eine profitgierige Kameraindustrie, welche primär aus Marketinggründen heute nahezu allen Fotoapparaten eine hochwertige Video-Funktion implementiert.

Eigenständige und für sich selbst stehende Fotografien oder Serien von Fotografien, welche wie Gemälde in einer Galerie oder in einem Bildband in Ruhe und ohne verklärenden Text betrachtet werden können, gilt es zu bewahren. Sie stehen für die Existenzberechtigung des Augenblicks, für den Respekt diesem gegenüber und damit für das Kerngeschäft der traditionellen, künstlerischen Fotografie. Für sich selbst sprechende Fotografien stehen damit für ein Gegenkonzept zu einer lauten, aufgeregten und rasanten Multitasking-, Nonstop-, Konsum- und Warengesellschaft. Sie sind Kontrapunkte in einer Welt, in welcher die Fähigkeit zur Wahrnehmung einzelner Momente und Augenblicke langsam aber sicher ausstirbt.

Für eine starke Fotografie

Fotografien sagen mehr als tausend Worte. Und was für welche! Und dies erst noch in einer universellen Sprache. Fotografien können in unserem Gaumen zergehen wie feinste geschmolzene Schokolade. Einige duften wie blühender Lavendel, klingen wie zarter Harfenklang, knistern wie ein spannender Krimi, schmecken wie eine salzige Brezel oder schreien, als ginge es um Leben oder Tod. Fotografien haben die Kraft, uns lächeln zu lassen, uns ins Schwitzen zu bringen, uns Schamröte ins Gesicht zu treiben oder uns nervös mit dem Finger auf den Tisch klopfen zu lassen.

Einige Fotografien schaffen es sogar, es uns kalt den Rücken hinunter laufen zu lassen, unseren Mund zu öffnen und uns ins Staunen zu versetzen, zu Tränen zu rühren oder zu den Waffen greifen zu lassen. Die vielen Fotografien innewohnende Metaphorik, ihre Symbole und deren verspieltes Mit- und Gegeneinander haben nicht selten die Kraft, Vergessenes, ja sogar Verdrängtes in Erinnerung zu rufen. Und ja, sie können uns manchmal regelrecht «auf die Sprünge« helfen.

Fotografien bedienen sich einer Geheimsprache. Sie benutzen Codes, welche – wenn überhaupt – wohl eher durch eine Portion Magie als mit der Rationalität unserer Sprache zu entschlüsseln sind. Fact ist, dass wir auf den Mond fliegen und die perfektesten Elektronenmikroskope bauen können. Tatsache ist aber auch, dass bis heute niemand erklären kann, warum eine Fotografie weltberühmt ist, eine Vergleichbare hingegen ein Schattendasein in einer abgewetzten Bildmappe fristet. Es ist doch fantastisch, dass es in unserer durchrationalisierten, berechneten und ökonomisierten Welt noch so bewegende Geheimnisse gibt wie die Pepper No. 30 von Edward Weston oder die Fotografie mit John Lennon und Yoko Ono, welche Annie Leibovitz wenige Stunden vor Lennons Ermordung aufnahm.

Trotz all ihrer Potenz und Magie: Aufbegehren gegen ihr zerdrückt und zugepflastert werden durch Texte, sich wehren gegen ihre zunehmende inflationäre Entwertung sowie ankämpfen gegen den schleichenden Zerfall des Augenblicks, für welchen sie stehen, können Fotografien selbst leider nicht.

Es ist unsere Aufgabe, für Fotografien und ihre weitgehend unverstandene Bildsprache und all das, wofür sie in der Gesellschaft stehen, einzustehen. Wer sich dem verpflichtet fühlt, wird nicht umhinkommen, nicht nur Englisch und Französisch zu lernen, sondern wenigstens zu versuchen, auch die Sprache der Bilder zu verstehen. Eine Sprache, die der Unsrigen so nah und gefühlt so bekannt erscheint und trotzdem so unendlich anders ist.

Und ja doch: Lasst tausend Blumen blühen. Und selbstverständlich sei es jedem selbst überlassen, seine fotografischen Arbeiten zu erklären, sie in ihrer eigenen Bildersprache, also für sich selbst sprechen zu lassen oder auch beide Ansätze zu kombinieren.

Aber wenn Text, dann bitte knapp, zart, leise und mit Anmut. Wie zum Beispiel Paul Caponigro in seinem Bildband: «New England Days». Oder ganz ohne Worte, wie meinem Empfinden nach absolut überzeugend vorgestellt in «Küstenklänge» des deutschen Fotografen Andreas Weidner.

Was für eine Stille.

Was für ein Sound.

Welche ungeheure Wohltat in unserer lauten und aufgeregten Welt.

Was bleibt?

  • Verschleiere auch ich durch meine Zeilen Fotografien?  Schreiben auch diese hier und jetzt von Ihnen gelesenen Worte meine und die Fotografien anderer zu Tode?
  • Und sagen auch meine Wortbilder mehr über mich selbst und über Sie als Leser/-in aus, als über das Zertexten von Fotografien und die Unterdrückung der Bildsprache?
  • Und sowieso: Sollte ich nicht besser den Mund halten, die Bildtitel meiner Arbeiten löschen und alleine meine Fotografien sprechen lassen?
    Oder ganz schweigen?

© 2014 Piero Rossi

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